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Das pflegeleichte Aquarium PDF Drucken E-Mail


Der technische Fortschritt und die Spezialisierung der Arbeitswelt hat der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten viele Vorteile gebracht. Der Mensch hat wesentlich mehr Freizeit, die er sinnvoll nutzen kann. Die Arbeitszeit ist zwar kürzer; aber auch eintöniger und aufgrund des enorm gestiegenen Leistungsdruckes stressreicher geworden. Folglich sucht der Mensch in der Freizeit, entsprechend seinen Neigungen, eine Beschäftigung, die ihm den wichtigen Ausgleich bieten kann.



Auch Felsaquarien mit Fischen aus ostafrikanischen Seen können dekorativ eingerichtet werdenJe hektischer die Arbeit, um so mehr wird ein Gegenpol benötigt, der Körper und Geist täglich die notwendige Ruhe gibt. Was könnte dazu besser geeignet sein als die lebendige Unterwasserwelt eines Aquariums mit ihren munteren Fischen. Hier kann man den Alltag vergessen und die Seele baumeln lassen. Entspannung heißt jedoch nicht, den Geist veröden zu lassen, wie das bei manchen Sportarten der Fall ist. Beobachtung und regelmäßige Pflege eines Unterwasserbiotops fördern den Geist durch neue Erkenntnisse und Verständnis der Zusammenhänge von Lebewesen und Umwelt. Ist es da überhaupt wünschenswert, die Pflege des Aquariums ,,easy" machen zu wollen? Ich kann es mir nicht vorstellen.

Ein Aquarium, um das man sich nicht kümmern muss, verliert seinen Reiz. So wie jeder ordentliche Mensch seine tägliche Toilette durchführt, benötigt auch das Aquarium eine gewisse Pflege. Die regelmäßige Beschäftigung damit macht das Hobby aus. Der Besitz von etwas wird erst durch die Beschäftigung zum Hobby. Ansonsten bringt es keine Erfüllung. Das neue Auto in der Garage zu lassen und täglich zu betrachten kann zwar erfreuen, führt aber nicht zu echter Zufriedenheit. Erst damit zu fahren und es zu pflegen, bringt wahre Erfüllung. Mit einem Aquarium verhält es sich ebenso. Das Betrachten bringt die Entspannung im Alltag und die Freude daran - die Beschäftigung damit und der unverzüglich sichtbare Erfolg der Pflegemaßnahmen machen es zu einem erfüllten Hobby. Ein ungepflegter Mensch wird gemieden, ein ungepflegtes Aquarium landet über kurz oder lang auf dem Sperrmüll.

Macht man dem Aquarianer glaubhaft, ein Aquarium sei mit zwei Wasserwechseln pro Jahr und ohne weitere Pflege nur durch die regelmäßige Zugabe von chemischen Mitteln erfolgreich zu erhalten, und die Fische würden darunter nicht leiden, so halte ich das für kaum nachvollziehbar. Selbst wenn dies möglich wäre - was ich bezweifle - gehen die Erfolgserlebnisse am Hobby und damit der Bezug zum Aquarium verloren. Da scheinbar keine Kontrollen notwendig sind, wird der Aquarianer nie die Zusammenhänge seiner Wasserwelt verstehen lernen. Leider ist damit die große Gefahr verbunden, dass der Anwender immer gleichgültiger wird und mit der Zeit auch die Fütterung vernachlässigt.

Die Fische fressen nicht nur - sie scheiden auch etwas aus. Die Ausscheidungen werden zwar von Mikroorganismen zu relativ harmlosen Produkten umgewandelt, diese reichern sich jedoch im Wasser an. Ein typisches Beispiel ist das Nitrat. Ohne entsprechende Nitrat abbauende Futtertechniken kann man erhöhte Nitratwerte im Aquarienwasser nicht verhindern. Nitrat ist mit im Fachhandel erhältlichen Reagenziensätzen leicht zu messen, und seine Anreicherung dient als Indikator der Wasserverschmutzung. Ein hoher Nitratwert zeigt die Notwendigkeit des Wasserwechsels an. Sicher kann man durch die Zugabe von Chemikalien einige Problemgrößen neutralisieren. Dadurch verliert das Nitrat jedoch nicht an Bedeutung, und Werte von über 100 mg\ Nitrat sind für Fische nicht völlig harmlos. Im Aquarien fallen zudem noch eine Reihe anderer Stoffe an, die sich nicht messen lassen, biologisch nur schwer abbaubar sind und die sich im Wasser anreichern. Sie können nur durch den regelmäßigen Wasserwechsel entfernt werden. Selbst die theoretisch alleinige Anreicherung des Nitrates wäre gefährlich. Auch im Leitungswasser tritt Nitrat oft als allein belastender Faktor auf. Trotzdem wird es nicht als harmlos erachtet und vom Gesetzgeber auf 50 mg/l N03 beschränkt. Bei erhöhten Nitratwerten verteilt die Gemeinde an Familien mit Kleinkindern nitratfreies Trinkwasser in Flaschen. Nitrat wird im Darm von Mensch und Tier zu hochgiftigem Nitrit reduziert. Süßwasserfische trinken zwar kaum Wasser, nehmen es aber beim Fressen mit der Nahrung auf. Das darin enthaltene Nitrat wandelt sich im Darm zu Nitrit um und führt zu Schäden und Folgeerkrankungen. Wenn Schadstoffe wie Phosphat und andere nur durch Chemikalien umgewandelt und die Reaktionsprodukte nicht mittels Wasserwechsel entfernt werden, bleiben sie dem Lebensraum Aquarium erhalten.

Auch Mulm lagert sich ab, und der Leitwert des Wassers erhöht sich im Laufe der Zeit. Werden dann nach einem halben Jahr 50 - 70 % des Wassers gewechselt, kommt es zu drastischen Änderungen der Wasserwerte. Nicht alle Fische vertragen das. Ein osmotischer Schock ist für die Zierfische durch das Absenken des Leitwertes bei einem so großen Wasserwechsel vorprogrammiert. In einem ungepflegten Aquarium ist oft zu beobachten, dass sich der Nitratanstieg verlangsamt, da organische Stoffe im Bodengrund die Denitrifikation fördern. Die Mulmteilchen verrotten im Kiesboden, und durch die Sauerstoffzehrung entstehen anaerobe Zonen, in denen auch Nitrat abgebaut wird. Trotzdem sind in solchen Aquarien nach wenigen Monaten Nitratwerte zwischen 200 und 400 mg/l Nitrat messbar. Leider bleibt es im Bodengrund nicht nur bei einem Nitratabbau - bald bauen die Bakterien dort auch Sulfat ab. Dabei wird hochgiftiger Schwefelwasserstoff (H2S) freigesetzt, der Fische schon in Spuren tötet. So reicht schon die Menge von 15 µg/l (Mikrogramm pro Liter; ein Mikrogramm ist ein Millionstel Gramm) H2S aus, um die Brut des Sonnenbarsches Lepomis macrochirus innerhalb weniger Tage abzutöten.
Ein gut bepflanztes Aquarium ist ein attraktiver Blickfang.


Der Sonnenbarsch zählt sicher nicht zu den empfindlichen Fischen, trotzdem töten 45 µg/l adulte Tiere ab. Die Giftigkeit von Schwefelwasserstoff entspricht ziemlich exakt der von Blausäure. In den voran genannten Konzentrationen ist H2S über dem Aquarienwasser geruchlich nicht wahrzunehmen.

Vor vielen Jahrzehnten wurden ,,Altwasseraquarien" propagiert, in denen möglichst kein Wasserwechsel durchgeführt und nur das verdunstete Wasser ergänzt werden sollte. Damals wusste man es nicht besser und hatte keine Möglichkeit, die Wasserwerte zu messen. Heute jedoch stehen das Wissen und die Mittel zur Verfügung. Nutzt man beides, ist eine naturgerechte Wasserwelt im Aquarium problemlos möglich. Nur die regelmäßige Beschäftigung mit dem Aquarium macht es zu einem interessanten und langjährigen Hobby.
Text und Bilder stammen aus der sera Clubnews 2000